Warum sie überhaupt kamen
Österreich nahm die Bukowina 1772, und die Teilungen Polens begannen ein Jahr später. Wien brauchte Menschen für ein leeres Land, und aus Galizien, wo der polnische Adel die Ämter hielt, war der Weg kurz. Die erste russische Zählung, 1772–1773, fand in der Bukowina 460 Polen, ein halbes Prozent der Einwohner. Das war der Anfang.
Sie kamen der Reihe nach: Bergleute, Waldarbeiter, Bauern ohne Land, Beamte, und zuletzt der kleine Adel, der die Güter der nach Moldau abziehenden Bojaren übernahm. Um 1880 gehörten etwa 40 bis 45 Prozent der einhundertneunzig großen Güter bereits Polen.
Die Goralen aus der Gegend von Tschadsa
Die größte Gruppe aber waren die Goralen, die Bergbewohner. Ihr Weg beginnt im 16. Jahrhundert, als Flüchtige aus Schlesien und Kleinpolen sich um Tschadsa niederließen, heute auf slowakischer Seite. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zogen sie „dem Brot nach“ in die österreichische Bukowina; 1803 waren sie bei Czernowitz. Eines ihrer Dörfer war Stara Huta, und von dort brachen jene auf, die die Dörfer im Süden gründen sollten: Solonețu Nou, Pleșa und Poiana Micului.
Höhepunkt und Einbruch
Bei der letzten österreichischen Volkszählung, der von 1910, lebten in der Bukowina 36.210 Polnischsprachige, 4,5 Prozent der Bevölkerung. Gegenüber 1880 hatte sich die Zahl verdoppelt. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Vereinigung mit Rumänien sank sie auf 34.119, weil ein Teil ins wiedererstandene Polen zurückkehrte.
Dann kam der Einbruch. Die Annexion der Nordbukowina durch die UdSSR 1940 schnitt zwei Drittel der bukowinischen Polen ab. 1941 waren in der ganzen Bukowina noch 20.057 übrig. Nach dem Krieg begannen die Aussiedlungen: allein aus Poiana Micului gingen 1946–1947 426 Menschen, aus Ruda-Vicșani mehr als das halbe Dorf, in einem Zug aus fünfzig Waggons, der über eine Woche in die sogenannten Wiedergewonnenen Gebiete fuhr.
Was geblieben ist
Durch die ganze kommunistische Zeit hielt sich die Zahl bei 2.700 bis 2.800 Menschen in der Südbukowina. Seit 1992 ist sie um über vierzig Prozent gefallen. Die Volkszählung von 2021 nennt im Kreis Suceava 1.667 Personen polnischer Nationalität: 75 Prozent aller Polen Rumäniens, aber nur 0,25 Prozent der Kreisbevölkerung.
Hinter der Zahl steht jedoch noch etwas: neunzig Prozent von ihnen leben auf dem Land, an denselben Orten wie vor zweihundert Jahren. Die Gemeinschaft ist kleiner geworden, aber sie hat sich nicht zerstreut.
Das Paradox der letzten Jahrzehnte
Die Zahlen sinken, doch der Anteil der Südbukowina an der ganzen polnischen Minderheit Rumäniens steigt: von 24 Prozent im Jahr 1930 auf 48 im Jahr 1966 und auf konstant 73 bis 78 Prozent nach 2002. Anders gesagt: das polnische Rumänien bedeutet immer mehr diese paar Dörfer bei Suceava.
Und noch etwas, das der Intuition widerspricht. Bei der Zählung von 2021 gaben 1.173 von 1.667 Menschen, also 70 Prozent, Polnisch als Muttersprache an. Der Autor der Studie nennt das sprachliche Revitalisierung und führt es auf die Schule zurück: die Kinder lernen Polnisch, und die Bindung an die Sprache wächst, statt zu schwinden. Unter denen, die Polnisch als Muttersprache angeben, ist die größte Gruppe zwischen 45 und 54 Jahren, 18 Prozent, dicht gefolgt von den Kindern bis vierzehn, mit 14,6 Prozent.
Die Schulen, die es nicht mehr gibt
Im Schuljahr 1912–1913 arbeiteten in der Bukowina 564 Volksschulen, darunter 15 polnische, neben 219 ukrainischen, 190 rumänischen und 97 deutschen. Das Netz verschwand mit Österreich, mit der Grenze und mit dem Krieg. Geblieben ist heute der Polnischunterricht in den Dorfschulen und die Arbeit der Polnischen Häuser.
Bevor sie überhaupt aufbrachen
Vor sechshundert Jahren schob Kasimir der Große die Grenzen Polens bis an die Moldau, denn hier verlief die Handelsstraße von der Ostsee zum Schwarzen Meer. Polen und Rumänen waren Nachbarn, lange bevor jemand ans Umziehen dachte.
Die Goralen selbst waren früher nach Tschadsa gekommen, im 15. bis 17. Jahrhundert: den westlichen und mittleren Teil besiedelten Siedler aus Schlesien, den östlichen Leute aus der Gegend von Żywiec. Nach der dritten Teilung, um 1800, zog eine größere Gruppe weiter. Sie gingen acht Wochen, über Krakau und Lemberg, bis nach Brzeżany, wo Fürstin Izabela Lubomirska ihnen Land versprochen hatte. Die Bukowina kam erst danach.
Das Jahr 1928: tausend Familien
Die Zwischenkriegszeit war der Höhepunkt dieser Welt. Die polnische Gemeinschaft in der Bukowina zählte damals rund tausend Familien und hatte alles, was sie zum Bestehen brauchte: römisch-katholische Kirchen, eigene Schulen und Bibliotheken. In Suceava arbeitete seit 1903 die Polnische Gesellschaft für Brüderliche Hilfe und Lesesaal, die ihr hundertjähriges Bestehen schon in einem freien Rumänien feierte.
Dann kamen der Krieg, die Beschlagnahmung des Gebäudes und das Verbot. Und 1992 verlegte der Verband der Polen in Rumänien seinen Sitz von Bukarest nach Suceava, weil hier die meisten derer leben, für die er da ist.
Heute lernt man es in der Schule
Seit Anfang der neunziger Jahre kehrt Polnisch als Muttersprache in die Schulen zurück, ohne Unterbrechung. Im Schuljahr 2015/2016 lernten es 730 Schüler in neun Schulen: in Suceava, Siret, Moara, Pleșa, Poiana Micului, Păltinoasa, Gura Humorului, Solonețu Nou und Cacica. Mit ihnen arbeiteten sechs Lehrer.
Diese Zahl erklärt die Grafik oben: woher die sieben von zehn kommen, die 2021 Polnisch als Muttersprache angaben. Nicht aus Sentiment. Aus Unterricht.